Recht auf umfassende Bildung
für jedes Kind²

Das Recht auf Bildung markiert ein Menschenrecht, an dem sich
alle schulpolitischen Entscheidungen zu orientieren haben.

Der BdFWS (Bund der Freien Waldorfschulen) fordert das
Recht auf selektionsfreie Bildung im deutschen Grundgesetz
ausdrücklich zu verankern. Der Schulpflicht ist der Anspruch eines
jeden Kindes gegenüberzustellen.

Das Recht auf Bildung heißt:
• kulturelle und musische Angebote

mehr als ein Prüfungs- und Berechtigungswesen
Recht auf die Entfaltung der Persönlichkeit.

Das Recht auf Bildung ist die Antwort der Zivilgesellschaft
auf staatliche Schulmonopole.

Freiheit
in der Bildung

Wer handelt, übernimmt Verantwortung. Wer pädagogisch handelt, erhält diese Verantwortung von den Eltern, der Gesellschaft und dem Staat übertragen, übernimmt sie aber vor allem gegenüber den konkreten Kindern und Jugendlichen, mit denen er oder sie arbeitet. Lebendige Pädagogik entsteht nur, wenn sich die Lehrer als Gestalter und Begleiter eines aktiven Lernprozesses verstehen, nicht als Ausführende extern vorgegebener Standards oder Curricula.

Der BdFWS (Bund der Freien Waldorfschulen) fordert deshalb Autonomie aller Schulen in der Gestaltung ihrer Profile und deren Umsetzung, ihrer personellen Ausstattung sowie der Verwendung der ihnen zuzuweisenden Budgets.

Qualitätsentwicklung statt
Bildungsstandards

Guter Unterricht braucht gute Lehrer. Bildungsstandards können pädagogische Qualität weder erzeugen noch substituieren. In der Praxis sind sie längst zum heimlichen Lehrplan geworden („Training for the test“).

Der BdFWS (Bund der Freien Waldorfschulen) fordert daher die Ablösung der pädagogisch unproduktiven Regelstandards durch Mindeststandards: Wer diese nicht erreichen kann, hat einen Anspruch auf individuelle Förderung. Außerdem sind Verfahren zur fortlaufenden Qualitätsentwicklung innerhalb der Kollegien zu fördern (Intervisionsgruppen, pädagogische Grundlagenarbeit).

Chancengleichheit
durch freie Schulwahl

Chancengleichheit entsteht durch Chancenvielfalt – alle Familien sollen eine Wahl zwischen unterschiedlichen Schulen für ihre Kinder haben. Diese Wahl muss unabhängig von der Finanzkraft der Eltern getroffen werden können. Die Schulgesetzgebung der Bundesländer fördert ein Zweiklassensystem, indem sie die freien Schulen durch unzureichende Finanzhilfen zur Erhebung von Schulgeldern zwingt und sie damit in eine private Nische abdrängt. Die Lehrer leisten teils erheb-liche Gehaltsverzichte, um auch einkommensschwächeren Kindern den Zugang zu ihrer Schule offen halten zu können. Die innovativen Ideen der freien Schulen werden gerne und oft kopiert, Eltern und Lehrer dieser Schulen werden jedoch für ihr gesellschaftliches Engagement abgestraft.

Der BdFWS (Bund der Freien Waldorfschulen) fordert: Die Finanzmittel folgen dem Elternwillen durch die Auszahlung einer Schülerkopfpauschale an die Schule ihrer Wahl. Durch variable Anteile der Pauschalen können pädagogische Initiativen auch in sozial benachteiligten Gebieten entstehen und einen produktiven, aber gerade nicht kommerziell ausgerichteten, Wettbewerb beflügeln.

Inklusion –
kein Sparmodell

Inklusion ist eine gesellschaftliche Idee, die einen Prozess des Umdenkens, „Umfühlens“ und Umlernens notwendig macht. Sie lässt sich nicht verordnen, aber um sich überhaupt entfalten zu können, braucht sie eine infrastrukturelle Basis, die das auf Selektion aufgebaute Schulwesen vollständig überwindet.

Der BdFWS (Bund der Freien Waldorfschulen) fordert zusätzliche Finanzhilfen für die Fortbildung aller Lehrer, für therapeutische Fördermaßnahmen und für nötige bauliche Investitionen.

Lehrerbildung
radikal erneuern

Lehrer müssen ihr kreatives Potenzial bereits während der Ausbildung kennen und erweitern lernen. Neben der Fachlichkeit müssen die angehenden Lehrer auch ihre Persönlichkeit sowie ihre Empathie- und diagnostischen Fähigkeiten ausbilden. Pädagogik bedarf der wissenschaftlichen Fundierung und Reflexion, im Vollzug ist sie aber eine Kunst, die nur übend erworben werden kann.

Der BdFWS (Bund der Freien Waldorfschulen) fordert ein Umdenken in der Lehrerbildung.

Vielfalt fördern –
Kulturmonopole abbauen

Monokulturen führen zur Verarmung, Vielfalt hingegen zu einer lebendigen Entwicklung – in der Kultur nicht weniger als in der Natur. Trotz dieser offensichtlichen Tatsache wird im deutschen Schulwesen noch häufig der Vereinheitlichung und Standardisierung das Wort geredet.

Der BdFWS (Bund der Freien Waldorfschulen) fordert einengrundlegenden Paradigmenwechsel im hierarchischen Verhältnis von staatlicher Schulaufsicht und einzelner Schule. Dem Verständnis der staatlichen Schule als „Regelschule“ setzt er die Idee eines gestalteten Pluralismus entgegen. „Gestaltet“ heißt hier, dass die staatlichen Organe sich auf die Rechtsaufsicht konzentrieren und die inhaltliche Ausgestaltung des Schullebens – einschließlich der schulübergreifenden Absprachen (Mindeststandards, gemeinsame curriculare Ziele für bestimmte Klassenstufen, Leistungsnachweise etc.) – den Handelnden vor Ort überlassen. Das oft gerühmte Innovationspotenzial der Schulen in freier Trägerschaft geht unmittelbar auf die Praxis und Erfahrung mit dem gestalteten Pluralismus zurück. Von den Erfahrungen der Waldorfschulen in der Selbstorganisation sollten alle Schulen profitieren können.

Jedes Kind ein Könner –
Schule in der Zivilgesellschaft

Freiheit und Verantwortung sind zwei Grundpfeiler der Zivilgesellschaft: Aus bürgerschaftlichem Engagement entstehen neue, am Gemeinwohl orientierte Unternehmensformen als dritter Weg zwischen staatlichem Zentralismus und kommerziellen Interessen. Auch die Waldorfschulen verstehen sich mit vielen anderen Schulen in freier Trägerschaft in diesem Sinne als Pioniere eines Schulwesens, das jenseits von staatlichen, ökonomischen oder ideologischen Interessen die Fähigkeiten jedes einzelnen Kindes in den Mittelpunkt stellt.

Unsere Schulen stehen vor riesigen Herausforderungen. Zahlreiche gesellschaftliche, soziale, demografische und technologische Entwicklungen verändern mit zunehmender Geschwindigkeit das Leben der Kinder und  Jugendlichen und bedürfen pädagogischer Antworten. Um diesen Herausforderungen entsprechen zu können, brauchen wir Schulen, die allen Schülerinnen und Schülern offenstehen und deren Lehrerinnen und Lehrer flexibel auf ihre Bedürfnisse eingehen können. Auch die praktische Umsetzung der Inklusion erfordert neue Schulformen, die von der Könnerschaft jedes einzelnen Kindes ausgehen und unser auf Selektion ausgerichtetes Schulwesen zugunsten einer echten Kultur des Zusammenlernens hinter sich lassen.

Der Bund der Freien Waldorfschulen legt mit den hier aufgeführten „7 Kernforderungen an die Bildungspolitik“ Wegmarken für ein Schulwesen vor,  das die Professionalität von Lehrerinnen und Lehrern und die Mündigkeit der Eltern bei der Bewältigung dieser Aufgaben ernst nimmt. Die Waldorfschulen verfügen wie die anderen Schulen in freier Trägerschaft über eine lange Erfahrung in der Selbstorganisation von Schule und der Zusammenarbeit mit  Eltern. Viele Ideen, die später von staatlichen Schulen aufgegriffen wurden,  verdanken ihre Existenz der Innovationskraft, mit denen die freien Schulen auf neue pädagogische Herausforderungen reagieren konnten.

Immer mehr Eltern  entscheiden sich für eine Schule in freier Trägerschaft. Was in vielen  europäischen Ländern schon lange selbstverständlich ist, begegnet hierzulande allerdings noch oft der Sorge, daraus könne ein Zweiklassensystem werden, bei dem die Kinder aus wohlhabenden Familien eine „Privat“-Schule besuchen, während der „Rest“ auf eine staatliche Schule angewiesen sei. So berechtigt diese Sorge ist: Sie beschreibt nichts anderes als die Wirkungen einer  Schulgesetzgebung, die eine künstliche Trennungslinie zwischen Schulen in staatlicher und freier Trägerschaft zieht, indem sie den freien Schulen eine gleichberechtigte Finanzierung vorenthält. Pädagogische Initiative in  unterprivilegierten Gegenden wird gesetzlich verhindert, wenn die freien Schulen auf dem Umweg über das Schulgeld in eine private Ecke  gedrängt werden.

Dass es auch ganz anders geht, zeigen die meisten skandinavischen  Länder, in denen alle Familien die freie Wahl zwischen verschiedenen Schulen haben, ohne dafür mit hohen Schulgeldzahlungen bestraft zu werden. Dadurch entsteht ein produktiver Wettbewerb, der allen Schulen zugute kommt. Auch  die staatlichen Schulen verfügen über ein hohes Maß an Autonomie und  pädagogischer Gestaltungsfreiheit, was ihre Attraktivität bedeutend erhöht. Nicht ohne Grund gehört der Lehrerberuf in Finnland zu den anerkanntesten Berufen überhaupt.

Es ist an der Zeit, voneinander zu lernen. Dazu muss die  Bildungspolitik ihren Monopolanspruch verlassen und sich mit den Eltern und den pädagogisch initiativen Lehrerinnen und Lehrern auf Augenhöhe begegnen. Wir sind dazu bereit!


Henning Kullak-Ublick
Mitglied des Bundesvorstands
des BdFWS

1) "Eigenverantwortung ist gegenwärtig ein zwar fachlich und bildungspolitischgewünschtes, von den vorliegenden rechtlichen Rahmenbedingungenund Kompetenzzuweisungen her jedoch nur nachrangig zugelassenes bzw.toleriertes Element. Verantwortung im Schulbereich ist weitestgehend zentralbei Regierung und Aufsichtsbehörden konzentriert ... Das öffentlicheSchulwesen leidet darunter, dass es mit weitgehend standardisierten Modellenbetrieben wird und einer Herausforderung durch alternative und konkurrierendepädagogische und organisatorische Modelle kaum ausgesetzt ist.Qualitätsverbessernde Impulse, die sich aus einem Wettbewerb unterschiedlicherKonzepte ergeben könnten, spielen bisher kaum eine Rolle im Steuerungssystem.Mit der primär zentralen Steuerung geht eine Dominanz vonVerwaltungs- und Organisations-belangen gegenüber pädagogischen Zieleneinher, weshalb derzeit solche pädagogischen Innovationen am ehestenRealisierungschancen haben, die mit den tradierten Organisationsstrukturenvereinbar sind. Begünstigt werden also nicht das Experimentieren und dasEntdecken neuer Problemlösungen. Das System tendiert vielmehr zur Stabilisierungvorhandener Strukturen und Verfahren. Es ist nicht auf Entwicklungund kontinuierliche Qualitätsverbesserung ausgerichtet, sondern auf Fehlersucheund Fehlervermeidung. Es behindert so oft Eigeninitiative, lähmt Risikobereitschaftund Selbstverantwortung ... Das Schulsystem ändert sich zulangsam, um mit den Veränderungen der gesellschaftlichen WirklichkeitSchritt halten zu können.

"Diese Analyse stammt aus dem Jahr 1995, nachzulesen in der Denkschrift"Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft", die vom späteren BundespräsidentenJohannes Rau in Auftrag gegeben worden war.

2) Artikel 26 (Recht auf Bildung), Absatz 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung. Der Unterricht muss wenigstens in den Elementar- und Grundschulen unentgeltlich sein. Der Elementarunterricht ist obligatorisch. Fachlicher und beruflicher Unterricht soll allgemein zugänglich sein; die höheren Schulen sollen allen nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten und Leistungen in gleicher Weise offen stehen. Absatz 3: In erster Linie haben die Eltern das Recht, die Art der ihren Kindern zuteil werdenden Bildung zu bestimmen.